Verdener Gespräch: Inklusionspflicht !?

Am heutigen Donnerstag veröffentlichte die "Verdener Aller-Zeitung" im Rahmen ihrer wöchentlichen Serie "Verdener Gespräch" meinen Namensbeitrag, dessen Volltext ich hier gern einstelle: Interview 2“Bildung” bedeutet die Formung des Menschen im Hinblick auf sein Menschsein und seine geistigen Fähigkeiten. Demgemäß findet die Bildung junger Menschen an vielen Orten statt - besonders natürlich in Familien und an Schulen. Bildung ist ein Menschenrecht. Schulbildung bewusst vorzuenthalten, wie z. B. Millionen von jungen Mädchen in streng islamisch geprägten Ländern, ist mit unserem Wertefundament nicht vereinbar. Selbstverständlich gilt das Grundrecht auf (gute) Bildung auch für Menschen mit Behinderungen. Vor diesem Hintergrund ist die intensiv geführte Diskussion über “Inklusion” zu sehen. Der Ende 2012 im Niedersächsischen Landtag in einem - mit Zustimmung von CDU, SPD und FDP beschlossenen - Inklusionsgesetz aufgezeigte Weg sah eine Wahlrecht vor: Wenn die Eltern überzeugt sind, dass ihr Kind mit besonderem Förder- und Betreuungsbedarf am besten auf einer allgemeinbildenden Schule aufgehoben ist, dann soll das Kind dort inklusiv beschult werden. Inklusion als Recht, als Anspruch auf eine gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung bzw. besonderem Förderbedarf. Die neue Landesregierung schlägt leider einen anderen Weg ein: Die Förderschulen sollen schrittweise in die allgemeinbildenden Schulen überführt werden. Ohne die Förderschulen als Alternative haben Eltern keine Wahlmöglichkeit mehr. Der zunächst für das Schuljahr 2014/2015 geplante schrittweise Abschied wurde zwar um ein Jahr verschoben - offensichtlich sind die organisatorischen, fachlichen und finanziellen Hürden doch größer als zunächst angenommen. Doch das politische Ziel ist klar: Aus dem “Inklusionsrecht” wird eine “Inklusionspflicht”! Jedes Kind mit seinen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen anzunehmen und zu fördern, muss Ziel und Anspruch der Bildungspolitik sein. Meine Erkenntnis aus Mails, Telefonaten und Elterngesprächen in meinem Verdener Abgeordnetenbüro ist, dass die meisten Eltern von Kindern mit Behinderungen ein feines Gespür dafür haben, welche Schule die beste für ihr Kind ist. Aus einem Gespräch mit dem Schulleiter der Andreasschule in Verden habe ich mitgenommen, dass nahezu alle Eltern der Förderschulkinder wünschen, dass die Schule erhalten bleibt. Das gilt auch für die Sprachheilklassen. Dort wird in kleinen Klassen im Elementarbereich oft so viel erreicht, dass viele Kinder später erfolgreich auf allgemeinbildende Schulen gehen. Das ist erfolgreiche Inklusion! Bei Schulbesuchen in Dörverden, Achim und Verden habe ich in den letzten Monaten viele Eindrücke sammeln und Sorgen aufnehmen können. Für die Lehrerkollegien vor Ort führen die zusätzlichen Herausforderungen im Zuge der praktischen Umsetzung der Inklusion zu immensen Belastungen. Wenn je Inklusionskind zwei Förderstunden je Woche gewährt werden, dann ist realistisch personell und finanziell kaum mehr drin. Dennoch ist es viel zu wenig! Zudem werden die Förderschullehrer immer mehr zu “Handlungsreisenden” in Sachen Sonderpädagogik: viel unterwegs, an keiner Schule zu Haus! Wenn künftig auch schwerbehinderte Kinder sowie Kinder mit massiven emotionalen und sozialen Defiziten in allgemeinbildende Schulen gehen sollen, werden wir vielfach diesen Kindern - und übrigens auch den anderen 20 in der Klasse - keinen Gefallen tun. So wird Inklusion nicht gelingen! Über 50.000 Niedersachsen haben inzwischen eine Online-Petition für den Erhalt der Förderschulen unterzeichnet. Noch ist Zeit, die Sorgen der Eltern, die Warnungen von Schulleitern und Kollegien und die Wünsche vieler Förderschüler ernst zu nehmen. Eine inhaltlich begründete Umkehr würden viele in Niedersachsen Rot-Grün nicht als Schwäche auslegen, sondern als Bildungserfolg. Das wäre doch mal was!

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