Verkehrsgutachten unbrauchbar – Offener Brief an unseren Landrat

Vollsperrung der Nordbrücke. Und danach? Das aktuelle Verkehrsgutachten gibt darauf keine Antworten!

Vollsperrung der Nordbrücke. Und danach? Das aktuelle Verkehrsgutachten gibt darauf keine Antworten!

Die "Verkehrsuntersuchung" eines Bremer Ingenieurbüros zur möglichen "Allerquerung parallel zur DB-Brücke bei Verden" habe ich mir intensiv angesehen und dazu auch die Meinung von Fachleuten aus Verden und Hannover eingeholt. Was dabei herausgekommen ist, hat mich überrascht und auch etwas schockiert. Ich weiß ehrlich nicht, was mich in diesem Zusammenhang mehr ärgert: Dass ein renommiertes Fachbüro aus Bremen wirklich solch ein "Gutachten" vorlegt oder dass unsere Kreisverwaltung ein solches "Gutachten" fachlich akzeptiert! Mich hat BEIDES veranlasst, einen Brief an den Landrat des Landkreises Verden zu schreiben, um die Mängel jener Verkehrsuntersuchung umfassend aufzuarbeiten und sachlich darzulegen. Vielleicht kann ich auf diesem Wege etwas bewegen. Meinen Brieftext veröffentliche ich nachfolgend ungekürzt: Sehr geehrter Herr Landrat,
vielen Dank für die Veröffentlichung der Verkehrsuntersuchung zur Allerquerung bei Verden via Internetangebot des Landkreises Verden. Aufgrund der Rückmeldungen und Anregungen, die ich dazu bekommen habe, gehe ich davon aus, dass diese pdf-Unterlage auf der Homepage des Landkreises sicher häufiger angeklickt wurde. Ich finde diese Transparenz der Kreisverwaltung sehr gut.
 
Zum methodischen Vorgehen nebst Validierung, zu relevanten prognostischen Annahmen sowie auch zum abgeleiteten Fazit ergeben sich aufgrund diverser Unstimmigkeiten im “Gutachten” erhebliche Zweifel an dessen Belastbarkeit und Brauchbarkeit: Letztlich sind m. E. weder die Zählergebnisse noch die Verkehrsentwicklungsprognosen aussagefähig. Die Hauptkritikpunkte stelle ich nachfolgend dar:
 
1.) Die Verkehrszählung erfolgte nur an einem Tag im November 2014, es erfolgte keine Befragung von Verkehrsteilnehmern und auch keine mehrtägige bzw. mehrmalige Untersuchung. Nur an einer einzigen Stelle wurde anschließend eine “durchgehende Querschnittszählung” durchgeführt, und zwar an der L 203 östlich der K 9 - mithin mehrere Kilometer vom betrachtungsrelevanten Verkehrsknotenpunkt entfernt. Im relevanten Kernbereich erfolgte mithin durch die Gutachter keine Validierung der Tageszählung!
 
2.) Die Zählung am 18. November 2014 erfolgte unter unnormalen verkehrlichen Rahmenbedingungen aufgrund der anhaltenden Verkehrsbeschränkungen auf der Nordbrücke B 215 - inkl. weiträumiger Ausweichbeschilderung für Güterverkehr (u. a. Ausweich- und Sperrungshinweise in Nienburg, Walsrode und Achim). Die Zählergebnisse vom 18.11.2014 mit 11.760 Kraftfahrzeugen pro Tag (DTVW 2014) sind daher nicht repräsentativ für den Prognosezeitraum (siehe dazu auch höhere Vergleichszahlen auf Seite 6 des Gutachtens “Auszug Verkehrsmengenkarten Niedersachsen”). Die Nordbrücken Verden B 215 verzeichnen bei vollständiger Verkehrsfreigabe täglich 16.000 bis 18.000 Fahrzeuge, was bereits anerkannt wurde im Zuge der damaligen Vorplanung für einen weiteren Allerübergang (bis 2003) sowie durch amtliche Verkehrsstatistiken und aktuell auch durch die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr bestätigt wird.
3.) Die Aussagen unter Punkt “3. Allgemeine Verkehrsentwicklung” weichen erheblich von der im Juni 2014 erstellten und dem beauftragten Ingenieurbüro sicher bekannten “Verkehrsverflechtungsprognose 2030” im Auftrage des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur ab. Das Verkehrsgutachten beschreibt “für die kommenden 15-20 Jahre eher einen Rückgang des allgemeinen motorisierten Individualverkehrs”. Das mag für die Harzregion und Teile Brandenburgs stimmen, für das Bremer Umland und insbesondere das wirtschaftsstarke Verden sicher nicht! Anzunehmen, dass der laufende und geplante weitere Ausbau der Industrie- und Gewerbeflächen im prosperierenden Verden auf Sicht zu rückläufigen Individual- und Straßengüterverkehrszahlen führen wird, ist abenteuerlich und unprofessionell! Laut BMVI wird bis 2030 ein Anstieg des PKW-Verkehrs um 10 % sowie des LKW-Güterverkehrs um 39 % erwartet. Interessant, dass die Verkehrsuntersuchung des Bremer Büros auf die hier relevante Entwicklung des LKW-Güterverkehrs überhaupt nicht eingeht. In diesem zentralen Prognosepunkt versagt das Gutachten völlig.
 
Adrian Mohr Fruehling4.) Der südliche Anschluss einer neuen Allerbrücke (“Baustraßenvariante”) an die K 14 wird im Gutachten als schwierig bezeichnet, u. a. weil ein Hochspannungsmast in der Nähe (!) des möglichen Einmündungsbereiches steht. Nach dem Ende des Trogbauwerkes zur Bahnunterquerung (Kreisstraße 14) sind bis zum Strommast über 150 m Straßenstrecke zur Verfügung, um einen passablen Anschluss herzustellen! Nicht erwähnt wird im übrigen, dass es keine andere Stelle nördlich oder südlich der bestehenden Allerquerungen im Bereich der Stadt Verden gibt, wo so wenige Wohnhäuser / Anwohner beeinträchtigt sein würden, wie bei dieser Variante. Die Beeinträchtigung des “Schutzgutes Mensch”, auch die Folgen der massiven Verkehrsbelastung heute in der Stadt Verden durch Konzentration auf nur einen vollwertigen Allerübergang, sollte nicht unerwähnt bleiben.
5.) Die unter Punkt 4. “Routenoptionen” aufgeführten Reisezeitberechnungen sind nicht umfassend schlüssig. Verschiedene Personen, u. a. von der Verdener Bürgerinitiative für einen 3. Allerübergang, haben eigene Messfahrten vorgenommen, die andere zeitliche Rückschlüsse zulassen würden. Diese genügen allerdings sicher nicht gutachterlichen Ansprüchen und sind somit nicht hinreichend belastbar. Belastbar sind die vom Ingenieurbüro M+O ermittelten Zahlen indes auch nicht, weil sie auf unrealistischen aktuellen Verkehrszahlen (11.700 statt 17.000) nebst einigen Testfahrten fußen. Nach Verkehrsfreigabe einer zweispurigen Nordbrücke in Verden unter Volllast erscheint beispielsweise ein Zeitansatz von 39 Minuten für die Fahrt von Heemsen-Süd bis zur L 171 östlich von Kirchlinteln als gewagt. Im morgendlichen Berufsverkehr wären auch 60 bis 80 Minuten locker denkbar!
 
6.) Die unter Punkt 5. negierten “Verlagerungsoptionen” setzen auf die Ergebnisse der Verkehrszählungen nebst Querschnittszählung und die daraus abgeleitete Prognose auf. Diese Verkehrszahlen sind für den Prognosezeitraum nicht valide, deshalb sind auch die geschilderten kaum bis nicht vorhandenen Verkehrsverlagerungen in der Folge eines weiteren Allerübergangs nicht schlüssig. Die Verlagerungswirkung wird objektiv bei einer Belastung der Nordbrücke und des Nordertor-Kreisverkehrs mit 16.000 bis 18.000 Fahrzeugen pro Tag absehbar eine andere sein als bei den im Gutachten angegebenen Ist-Werten zu Zeiten der Teilsperrung der Allerbrücke in Verden.
 
Aus den genannten Punkten schließe ich, dass der Landkreis Verden als Auftraggeber der Verkehrsuntersuchung m. E. mit diesem prognostisch minderwertigen und dadurch nicht aussagefähigem Gutachten nicht einverstanden sein kann. Für die weitere Abwägung und Bearbeitung der Thematik ist jene Verkehrsuntersuchung schlicht unbrauchbar. In der 4. Ergänzung zur Mitteilungsvorlage (MV 17.427) wird hinsichtlich der Verkehrszahlen auch gar nicht mehr auf diese aktuelle Verkehrsuntersuchung abgestellt, sondern auf ältere, aber offenkundig belastbarere Werte. Eine umfassende und prognostisch passende Berechnung wird man wohl erst nach Abschluss der gegenwärtigen Sanierungsbauarbeiten bekommen können. Eine Hochrechnung der aktuellen Messzahlen aus November 2014 war/ist aufgrund der derzeit sehr schwankungsintensiven Verkehrslage und Straßenverfügbarkeit in und um Verden methodisch schwierig, wobei sicher bedauerlich und kritikwürdig ist, dass das vom Landkreis beauftragte Bremer Büro nicht mal den Ansatz gemacht hat, dies fachlich zu versuchen oder diesen zentralen Mangel zumindest angemessen zu erläutern.
 
Ich rege vor diesem Hintergrund an, dem Bremer Ingenieurbüro zu untersagen, den Landkreis Verden in die Liste der Referenzen aufzunehmen.
 
Mit meinen Freunden der CDU Dörverden werde ich nun - angesichts der insgesamt schwierigen Gemengelage - eine gemeindeweite Bürgerbefragung (Fragebogen postalisch an alle Haushalte) machen, um bewerten zu können, wie groß das Interesse und der Rückhalt dafür in der Gemeinde Dörverden eigentlich ist. Sollten wir das Thema vor Ort über- und die Probleme unterbewertet haben, werde ich für die weitere Vorgehensweise die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Sollte das Thema allerdings von großer Bedeutung für die Menschen sein, hoffe ich auf Deine Unterstützung als Landrat bei einer positiven und konstruktiven Suche nach Lösungen nebst zügiger Realisierung.
 
Beste Grüße
 
Adrian Mohr
Kreistagsabgeordneter

Ein Kommentar

  • Dirk von Salzen

    Moin,
    ich habe mir das Intscheder Gutachten mal angesehen. Das Fazit des Intscheder Gutachtens widerspricht den Zählungen des Gutachtens an sich. Die geforderten Zahlen sind heute bereits vorhanden.
    Die Annahme das jemand von Bruchhausen über Intschede nach Achim fährt ist so praxistauglich wie von Bremen über Hamburg nach Hannover zu fahren. Wenn man jedoch aus der SG Thedinghausen über Intschede nach Verden will, weil der direkte Weg (mal wieder) nicht frei ist, sieht das Ganze anders aus.
    Der dritte Fehler im Gutachten ist die Annahme, dass der ÖPNV im Kreis Verden außerhalb der Stadtmauern zunimmt. Wer so etwas schreibt, war schon lange nicht mehr auf dem Land.

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